Tirbe Spî

Die Stadt Tirbespî, mit arabischen Namen al-Qahtaniyya, ist eine Stadt im Norden Syriens. Sie liegt wenige Kilometer entfernt von der türkischen Grenze. Die nächste größere Stadt ist Qamischli. Tirbespî liegt an der Verbindungsstrasse zwischen Qamischli und der Stadt Derik (arabisch al-Malikiya). Derik ist seit 2019 mit dem Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg verpartnert. Tirbespî liegt in den traditionell kurdischen Siedlungsgebieten in Nordsyrien, die historisch und kulturell eng mit den kurdischen Gebieten in der Türkei verbunden sind. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden die heutigen Nationalgrenzen zwischen Syrien und der Türkei. Weit entfernt in Zentraleuropa wurde die Grenze gezogen. Durch die Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg haben viele Familien auch Angehörige in der Türkei.

Zu der Stadt Tirbespî gehören bis zu 250 Dörfer im Umland. Es leben nicht nur Kurd:innen in Tirbespî. Kulturell ist die Stadt sehr vielfältig und bildet ein kulturelles Mosaik. Neben den Kurd:innen leben vor allem Araber:innen und Christ:innen in der Stadt und den Dörfern. Darüber hinaus gibt es ezidische Dörfer und weitere
kleinere Minderheiten. Aktuell leben deutlich mehr Menschen in Tirbespî als noch vor ein paar Monaten. Zu den dort schon länger lebenden Menschen sind sehr viele Geflüchtete Menschen ins-besondere im Januar 2026 dazukommen. Diese werden aktuell von der Stadtverwaltung unterstützt. Die Geflüchteten sind vor allem kurdische Familien aus Aleppo, Tabqa und Raqqa, die von dort geflohen sind, um der Gewalt islamistischer Milizen zu entgehen.

Im Zuge des so genannten Arabischen Frühling und den Aufständen gegen das Assad-Regime begann im Jahr 2012 eine Revolution, die von den mehrheitlich kur-
dischen Gebieten in Nordsyrien ausging. Nachdem sich 2012 die ehemaligen Machthaber des syrischischen Regimes um Bashhar-Al Assad im Sommer 2012 aus der Stadt zurückzogen, begannen die Menschen in Tirbespî und den umliegenden Orten selbstverwaltete Strukturen, wie Nachbarschafts- und Dorfräte sowie Selbstverteidigungseinheiten aufzubauen. Die Revolution in Rojava (so werden die kurdischen Gebiete in Syrien bezeichnet) inspiriert Menschen weltweit. In Mitten des syrischen Bürgerkriegs wurde ein zutiefst demokratisches und vielfältiges Projekt geschaffen. In Tirbespî wurde eine Kunst- und Kulturakademie sowie eine Vielzahl an Kooperativen aufgebaut. Seit einigen Jahren gibt es eine Landwirtschaftkooperative, die von rund 100 Frauen betrieben wird und die Stadt mit Gemüse und anderen hergestellten Lebensmitteln versorgt. Besonders ist, dass es in allen Strukturen der Selbstverwaltung jeweils eine Frau und einen Mann
als Ko-Vorsitzende gibt. Mit diesem System sollen die Einflüsse des Patriarchats in den politischen Strukturen gehemmt werden. Mit den Räten in den Nachbarschaften und Dörfern wird versucht politische Entscheidungen möglichst dezentral zu treffen. Die Belange, die die Menschen in ihrer Nachbarschaft beschäftigen, sollen auch dort besprochen werden. Diese Räte von Nachbarschaften sind dann vernetzt mit den anderen Nachbarschaften und bilden über die Ko-Vorsitzenden wiederrum Räte, zum Beispiel den Rat der Stadt Tirbespî. Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen bilden wiederum ihre eigenen Organisationen und treten so miteinander in Austausch. Das Prinzip Einheit in Vielfalt lässt sich in Tirbespî überall wiedererkennen und es sorgte in den letzten Jahren dafür, dass sich die verschiedenen Gemeinschaften kennenlernten und einen Kontrast bilden zu der auf Trennung und Unterdrückung basierenden Politik des alten wie neuen syrischen Regimes.

Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien ist seit Anfang diesen Jahres 2026 wieder massiven militärischen und politischen Angriffen durch die islamistische Übergangsregierung und ihren Verbündeten ausgesetzt. Die Gefängnisse mit tausenden von IS-Kämpfern ebenso wie das Al-Hol Camp mit zehntausenden Angehörigen des Islamischen Staats wurden angegriffen und viele der Insassen von den HTS-Milizen befreit. Dies stellt aktuell eine große Bedrohung für die ganze Region dar. In Nord- und Ostsyrien wurde aufgrund der militärischen Angriffe die Generalmobilmachung ausgerufen. Dabei haben sich Jung bis Alt zusammengeschlossen, um die Errungenschaften der letzten Jahre und das Leben zu schützen. Dieser Mobilmachung haben sich Menschen aus ganz Kurdistan angeschlossen. Aufgrund des Vorrückens der islamistischen Kräfte in weite Teile der demokratischen Selbstverwaltung mussten Zehntausende Menschen erneut ihr Zuhause verlassen und sind nach Rojava geflohen. Auch in Tirbespî haben viele Menschen Zuflucht gefunden und werden in der örtlichen Schule von der Gesellschaft versorgt. Die humanitäre Situation ist weiter stark angespannt und es braucht aktuell vor allem humanitäre Unterstützung zur Bewältigung der Lage.

In Mitten des Durcheinanders im Mittleren Osten ist die demokratische Selbstverwaltung ein Leuchtturmprojekt für Demokratie, Gleichstellung der Geschlechter und kulturelle Vielfalt. Der Kampf gegen den Islamischen Staat hat in der Region viele Leben gekostet. Doch genau mit dem Wissen was islamistische
Herrschaft und Diktatur bedeutet, hat die Bevölkerung Stück für Stück an einer friedvollen Zukunft gearbeitet und den Menschen auf der ganzen Welt Hoffnung gegeben. Tirbespî ist dabei eine besondere Stadt, denn dort konnten sich in den vergangenen Jahren einige Projekte entwickeln, wie die Frauenkooperative, Akademie für Kunst und Kultur sowie die organisierten Nachbarschaften, die das demokratische System prägen. Mit einer Städtepartnerschaft nach Tirbespî wollen wir genau diese Entwicklungen sichtbar machen und direkte Unterstützung für den Ort leisten. Ebenso wollen wir das in Rojava gelebte Gesellschaftsmodell auch hier bekannt machen und uns damit von diesem demokratischen System inspirieren lassen. Mit der Verbindung von Organisationen, Institutionen, Vereinen und weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren wollen wir den interkulturellen Austausch fördern und internationale Solidarität lebbar machen. Denn für uns ist auch klar: Als Demokrat:innen stehen wir zusammen.